Das Phänomen #Foodporn begann mit dem Porno

Das Phänomen #Foodporn begann mit dem Porno

Das Phänomen #Foodporn begann mit dem Porno

Es ist eine Obession und ähnelt in manchen Momenten pornographischer Lust - mit über 140 Millionen Tags auf Instagram war „#foodporn" in unserem Lexikon niemals verbreiteter als heute. Obwohl es so aussieht, als sei der Begriff in den sozialen Medien konzipiert worden, ist er nicht neu, sondern in den letzten Jahren erst wieder populär geworden. Liebhaber und zufällige Betrachter werden täglich mit Bildern von Essen bombardiert. Trotz dieser absoluten Übersättigung verstehen wir die Wirkung dieser Bilder nicht wirklich. Um die Ursprünge dieses Wortes verstehen zu können, sollten wir unsere heutige Psyche und die kulturelle Auswirkung auf unsere Gesellschaft beleuchten.

Um die Anfänge von „Foodporn" und #foodporn zu erfassen, machen wir einen kurzen Abstecher in die Geschichte des Wortes „Pornografie" und seinem späteren Ableger „Porno". Benjamin Zimmer - ein amerikanischer Linguist, Lexikograph und Sprachkommentator erklärt, dass sich das Wort „Pornographie" selbst an das griechische Wort „pornographos" anlehnt, was „eine dargestellte Prostituierte" bedeutet - von der Wurzel „porne", was „Prostituierte" bedeutet und ursprünglich von „gekauft" stammt; Man nimmt an, dass die ursprüngliche Absicht / Bedeutung des Wortes „weibliche Sklavin für die Prostitution" war. Zimmer sagt, dass die Franzosen dann diesen Begriff verwendeten, um 1842 „obszöne Bilder" zu beschreiben, die sie im Tempel des römischen Gottes Bacchus entdeckten, der bekannt für seinen rituellen kultischen Wahnsinn, die religiöse Ekstase, wilde Frauen und bärtige Satyre mit erigierten Penissen, die ihm folgten, war.

Viele Jahrzehnte später im 1962 wurden in das Oxford English Dictionary sowohl „Pornografie" als auch „Porno" hinzugefügt und bezogen sich auf „gedrucktes oder visuelles Material, das die explizite Beschreibung oder Darstellung sexueller Organe oder Aktivitäten enthält, die die sexuelle Erregung anregen sollen." Als für Jugendliche nicht geeignete Filme der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, so Zimmer, war „Horrorporno" das erste Spin-Off und wurde 1973 von S. Clay Wilson, einem Underground-Comix-Künstler, verwendet. Seine Illustrationen galten als unanständig - voller wilder Gewalt und sexueller Bilder, die jegliche Geschmacksgrenzen überschritten. Dies war der erste Fall, bei dem sich „Porno" auch auf Dinge bezog, die nicht nur rein pornografisch waren und Sex als Inhalt hatten.

Die Schockwirkung war von Anfang an die Strategie und die Verwendung von „Food-Porn". Umso überraschender, dass der Begriff zur Abwertung verwendet wurde. Zimmer zitiert, dass es von einem 1979 vom Zentrum für Wissenschaft im öffentlichen Interesse veröffentlichten Nutrition Action Health Letter (Veröffentlichung zur gesunden Ernährung) herrührte, dessen Aufgabe es war, gesunde Lebensmittel mit ungesunden zu vergleichen. Auf diese Weise wurden die Leser ermutigt, sich für das „richtige Zeug" und nicht für „Lebensmittelpornos" zu entscheiden. Die Organisation bezeichnete dekadente, maßlose, zuckerhaltige und fettige Nahrungsmittel als schlecht oder „Foodporn".

Eine andere Variante von „Foodporn" wurde 1977 in einem Artikel von Alexander Cockburn in der New York Review of Books verwendet. Bei der Rezension einer Reihe neuer Kochbücher beschrieb er „gewagte Bilder" als „Gastro-Pornos", bei denen damals nur textlastige Kochanweisungen gefunden wurden. Außerdem markiert es eine Veränderung, in der Form, wie Kochbücher kreiert werden. Die sprachlichen Grabstätten von damals wurden überarbeitet und zeigen nun eine stilvolle, professionelle Food-Fotografie. Diese „neuen and sexy" Kochbücher haben nun eine anspruchsvolle Ausstrahlung - während sie meist unzugängliche Kreationen waren, bieten sie nun eine Art Voyeurismus. Die Bilder attackieren mit provokativen und sinnlichen Fotografien die Sinne und stellen eine eigene Unterhaltungsform dar. Man hätte es nicht treffender voraussehen können. In den 1990er Jahren gewann dies mit dem Aufkommen der populären Kochshows im Fernsehen (z. B. Julia Kind, Martha Stewart, Iron Chef) an Bedeutung.

Cockburn zieht anhand seiner Rezensionen Parallelen zwischen Porno und Essen: Beide bieten etwas (übermäßig) gepflegtes, und beide bieten eine Form von ästhetischem und sensorischem Vergnügen, das erreicht wird, ohne tatsächlich Sex zu machen oder zu kochen. „Zwischen Handbüchern zu Sexualtechniken und Handbüchern zur Zubereitung von Lebensmitteln; den gleichen fleißigen Fokus auf die langsam und mit Ruhe angewandten Techniken, die gleichen Apostrophen zu den ultimativen, himmlischen Freuden. Echte Gastro-Pornos erhöhen durch farbige Fotografien von verschiedenen fertigen Rezepten die Aufregung und auch den Sinn des Unerreichbaren... die Freuden, die in der sexuellen Pornographie angeboten werden, sind genauso unerreichbar."

Die Technologie und ihre Bezahlbarkeit haben die „digitale Verbreitung von Fotografien" ermöglicht, so Professorin Erin Metz McDonnell von der University of Notre Dame. Die „sinkenden Kosten für ein qualitativ hochwertiges Equipment", verbunden mit immer populärer werdenden Blogging- und Fotografie-Websites wie Blogger (1999) und Flickr (2004), deren einziger Zweck die „digitale Anzeige" war, sorgten für den perfekten Ansturm. Als Instagram und Pinterest im Jahr 2010 auf der Bildfläche erschienen, halfen diese auf „Klicks und Likes" basierenden Websites einen „dominanten visuellen ästhetischen Stil" aka Foodporn zu verbreiten.

Die Frage, die nun alle beschäftigt, ist die, ob all diese Postings bedeuten, dass wir als Rasse dazu „verdammt" sind, durch diese „sexy, stilisierten Foodie-Bilder" an unseren Vorlieben und am Voyeurismus zu hängen. Unsere Gesellschaft fragt sich, ob das Posten von „manikürten Fotos" nur oberflächliche Anziehungskraft erzeugen soll oder diese Art von Inhalt informativ beziehungsweise von Wert ist. Science-Fiction-Autorin Pat Cadigan stellte sich in ihrem Buch Synners aus dem Jahr 1991 tatsächlich eine dystopische Zukunft vor, in der die Menschen durch verschiedene Arten sinnlicher Unterhaltung, einschließlich Foodporn, verwirrt werden. Ist die nordamerikanische Gesellschaft die Manifestation des Autors? Dies ist nicht wirklich einfach zu beantworten.

James Farrer, Professor für Soziologie an der Sophia-Universität in Tokio, trägt seinen Teil zur Debatte bei und stellt die Frage in den Raum, ob wir „Foodporn" sowie die Kommerzialisierung und Manipulation der Wünsche, die aus diesem Phänomen entstehen, loben oder verteufeln wollen. Lustigerweise ist alles auf Sex zurückzuführen. Farrer argumentiert, dass „Foodporn" deshalb so viel Erfolg hat, weil es tatsächlich aus einer dauerhaften stürmischen und widersprüchlichen Beziehung mit Sex stammt. In erster Linie erklärt es unsere Vorliebe für das Wort „Foodporn". Farrer behauptet, dass der Begriff insbesondere geospezifisch relevant sei: „Nordamerikaner haben eine ganz eigene Haltung gegenüber Sex - sie sind eine unterdrückte, aber auch eine sexuell sehr aktive Gesellschaft - diese Spannung existiert schon lange aufgrund ihrer puritanischen und protestantischen Wurzeln, bei denen Sex als Sünde bezeichnet wird. Die Notwendigkeit, etwas als „gut" oder „schlecht" zu bezeichnen, ist charakteristisch für die nordamerikanische Kultur. Deshalb wird Pornographie so viel Aufmerksamkeit entgegengebracht und übt solch eine Faszination auf die amerikanische Gesellschaft aus.“ Er fügt hinzu, dass diese Spannung in anderen Kulturen existiert, aber in den Vereinigten Staaten aufgrund des Zusammenpralls von Freizügigkeit und Liberalismus besonders betont und verschärft wird. „Auf der einen Seite setzt sich der Staat für „Individualismus“ und „Meinungsfreiheit“ ein, wird aber auf der anderen Seite von der unsichtbaren Hand des religiösen Fanatismus beherrscht und regiert."

Dies ist der Grund, warum Nordamerikaner diese Faszination auf ihre Lebensmittel projizieren. Und es ist das perfekte Instrument, um unterbewusste Wünsche zu leben und nach außen zu tragen. Essen ist leblos und hält sich an die unausgesprochenen Regeln des sozialen Austauschs. Dies passt zu einem anderen Thema: Klassen und soziale Ungleichheit. Im Gegensatz zu der ausdrücklichen Darstellung von Geld und anderen Reichtümern (bei denen es als protzig oder deklassiert angesehen wird), ist Essen eine durchaus „akzeptable" Form des „sozialen Ausstechens", um „kulturelles Kapital und Macht / Dominanz anderen gegenüber (in den sozialen Medien) zu zeigen", sagt Professor McDonnell. Außerdem „setzt es unerreichbare Standards und zeigt unerreichbare Objekte der Begierde, die durch die Augen und den Geist konsumiert werden." Egal, ob es derjenige, der es postet, selber bemerkt oder nicht: Er oder sie „ist ein Vermarkter geworden und ärgert den Betrachter durch diese Unerreichbarkeit, indem er ihn damit quält, dass er es haben oder machen kann.“ Wieder bewegen wir uns damit im Territorium des Pornos - ebenso wie der Zuschauer von Pornos, werden dem Konsumenten beim „Food-Voyourismus“ über die sozialen Netzwerke gepimpte Bilder exotischer und erstaunlicher Speisen gezeigt, die er selbst niemals probieren kann - genauso wie beim Sexporno schauen wir gerne bei dem zu, was wir selbst vermutlich nicht tun können oder wollen."

„Foodporn" hat auch die Beziehung zwischen Mensch und Natur verändert. Professor Farrer bemerkt, dass „wir jetzt essen, um einen bestimmten Style oder ein bestimmtes Aussehen zu zeigen. Wenn man Food-Bilder in sozialen Medien postet, ist man Teil der Werbung für das Essen.“ Und das betrifft nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Restaurants. Nicht nur die Köche sind sich darüber bewusst, dass Gerichte „insta-grammierbar" gemacht werden können. Diese Bilder bestimmen auch, ob der nächste potentielle Gast in diesem Restaurant essen wird oder nicht. Allerdings zerstört es nicht unbedingt die Natur des Essens, sondern verändert es nur.

„Foodporn ist weder gut noch schlecht“, betont Professor Farrer. „Es liegt in der persönlichen Beurteilung jeder einzelnen Person. Die Angst davor, an unsere Telefone „angekettet“ zu sein, ist nicht unvermeidlich. Die Gesellschaft kann Grenzen ziehen, wenn es darum geht, festzulegen, was akzeptable soziale Verhaltensweisen in den Essnormen sind.“ Also zu viel (Foodporn oder tatsächlicher Porno) ist, naja, zu viel - vor allem, wenn man über einen Display mit Kollegen interagiert, die man im realen Leben gefunden hat.

Autor: Tiffany Leigh, Playboy US

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