Experte, Seher, Reizfigur: Darum ist Christian Drosten der Mann des Jahres 2020

Experte, Seher, Reizfigur: Darum ist Christian Drosten der Mann des Jahres 2020

Experte, Seher, Reizfigur: Darum ist Christian Drosten der Mann des Jahres 2020

Dieser Mann ist die Reizfigur des Jahres. Nein, die Rede ist hier mal nicht vom Wendler. Der Schlagersänger mit dem Hang zu sehr jungen schönen Frauen und sehr dämlichen Verschwörungserzählungen wurde zwar eben in einer repräsentativen PLAYBOY-Umfrage zum nervigsten Mann des Jahres 2020 gewählt, aber irgendwie sind die peinlichen Auftritte des (vor Gläubigern, deutschen Steuerbehörden und „dem RTL“) nach Florida geflüchteten Michael Wendler vor allem eines: Egal.

In derselben Umfrage, die von PLAYBOY in Auftrag gegeben und vom Meinungsforschungsinstitut Norstadt durchgeführt wurde, landete ein Mann auf Platz eins, der den allermeisten von uns vor einem Jahr eher kein Begriff war: Christian Drosten. Der international anerkannte Virologe und Institutsleiter an der Charité Berlin gilt spätestens seit dem ersten Lockdown im Frühjahr als bekanntester Covid-19-Erklärer des Landes. Drosten, im selben Jahr geboren wie der deutsche PLAYBOY, forscht schon sein gesamtes berufliches Leben nach Viren. 2003 entdeckte er zusammen mit anderen Wissenschaftlern den Coronavirus SARS-CoV (zur Unterscheidung von SARS-CoV-2 auch als SARS-CoV-1 bezeichnet). Mit dem Beginn der Covid-19-Pandemie wurde Drosten dann einer breiten Öffentlichkeit bekannt: als Berater der Regierung oder auch durch seinen täglichen Podcast „Coronavirus-Update“ beim NDR. Unbestritten ist Prof. Dr. Christian Drosten einer der Top-Experten, wenn es um die Erforschung von Coronaviren geht. Einer, der weiß, wovon er spricht. Und das sieht offenbar auch die Mehrheit der Befragten unserer Umfrage so – und wählte den Wissenschaftler folgerichtig jetzt zum Mann des Jahres 2020.

Und doch: An keiner anderen Person des öffentlichen Lebens (außer vielleicht Karl Lauterbach) arbeiten sich seit Monaten so viele Menschen in diesem Land ab. Keinem anderen gelingt es hierzulande so mühelos, das Publikum in Bewunderer einerseits und sogenannte Hater andererseits zu teilen. Natürlich sind es vor allem hirnverbrannte Corona-Leugner und politisch motivierte Pandemie-Verharmloser, die Drosten in den (a)sozialen Medien mit Häme und Hasskommentaren überziehen. Aber auch denjenigen, die keinerlei Zweifel an der Gefährlichkeit der Lungenkrankheit haben, kann der Virologe mit seinen nicht nachlassenden Ermahnungen schon mal auf den Zeiger gehen. Uns sollte aber klar sein: Er ist nur der Überbringer der unliebsamen Botschaften. Und kann sich als solcher, trotz der heftigen Anfeindungen, glücklich schätzen, im Jahr 2020 zu leben. Im Alten Testament, dem zweiten Buch Samuel, ist zu lesen, wie der spätere König David reagierte, als er vom Tod König Sauls in der Schlacht am Berg Gilboa erfuhr: Er ließ den Berichtenden kurzerhand von einem seiner Männer erschlagen. Den Überbringer schlechter Nachrichten zu töten, war eine Zeit lang durchaus beliebt.

Christian Drosten kann man beileibe keine Schönrednerei vorwerfen. Schon eher darf man ihm seherische Fähigkeiten attestieren. Bereits im April dieses Jahres, am Beginn der ersten Welle, sagte der Wissenschaftler folgendes in eine TV-Kamera: „Vielleicht kommen wir damit glimpflich über den Sommer. Haben aber immer noch wenig Bevölkerungs-Immunität und laufen dann mit einer immunologisch naiven Bevölkerung in eine Winterwelle rein. Darauf müsste man sich vorbereiten. Das wäre gefährlich. Und man müsste dann auch sich darauf einstellen, dass man wieder in den Lockdown gehen muss im Winter.“

Autor: Florian Boitin

Weitere Inhalte