Pro & Contra: Tattoos

Pro & Contra: Tattoos

Pro & Contra: Tattoos

Ist gestochener Körperschmuck scharf? Oder nur ein weitverbreiteter Mode-Irrtum? Die Frage spaltet die Gesellschaft. Ein nadelspitzes Wortgefecht.

PRO - JULIA HAASE PLAYBOY-VOLONTÄRIN, AUF TATTOO-SUCHE

Als Rihanna 2005, mit 17 Jahren, ihren ersten Welthit „Pon de Replay“ rausbrachte, sah sie hinreißend aus, keine Frage. Das tut sie heute, mit 33 Jahren, noch immer. Nur auf eine ganz andere Weise. Sie hat sich vom zuckersüßen Mädchen zur Femme fatale gewandelt. Ihre Präsenz: fast einschüchternd. Ihre Blicke: entwaffnend. Wie passend, dass sie ein Pistolen-Tattoo neben der rechten Brust trägt. Oder eher bezeichnend? Die Tattoos von Rihanna sind nicht nur wunderbar gestochene Körperkunstwerke, sondern auch das beste Beispiel dafür, welche Wirkung sie entfalten können. Sie machen die Sängerin zum Vamp. Zur selbstbewusst gefährlichen Verführerin. Und einfach wahnsinnig attraktiv.

Dasselbe gilt für Männer, denken Sie nur an David Beckham. Er wurde vom Kicker-Schnuckel zum Sexsymbol. Und glauben Sie mir, die volltätowierten Arme trugen ihren Teil dazu bei. Tattoos machen sexy, weil sie Mut erfordern. Nicht nur wegen der Schmerzen, sondern weil das Resultat ein Leben lang bleibt. Sie verkörpern Überzeugung, das ist anziehend.

Wer sich tätowieren lässt, hat Gründe. Konserviert Erinnerungen, liebt die Optik, rebelliert oder fühlt sich einer Gemeinschaft zugehörig. So unterstreichen Tattoos die Individualität, erzählen Geschichten. Besonders die Aussagekraft von Tätowierungen schätze ich sehr: Schon auf den ersten Blick geben sie Charakterzüge ihrer Träger preis, und das kann durchaus hilfreich sein. Über den Fußball-Profi Leroy Sané kann ich dank seines gigantischen Selbstporträts auf dem Rücken beispielsweise sagen, dass er sich selbst ziemlich geil finden muss, ohne auch nur ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Ist doch ziemlich praktisch, nicht?

CONTRA - PHILIP WOLFF PLAYBOY-TEXTCHEF, NATURBELASSEN

Mit Tattoos ist es wie mit Baggy Pants: Sie stehen nur wenigen, aber viele laufen damit herum. Mode statt Individualität – muss jeder selber wissen. Allerdings bietet die Hosenmode den Vorteil, dass sie wechselt. Tattoos bleiben. Das ist nicht schön, denn nur selten sind sie wirklich gelungen. Falls doch, kann auch ein full-sleeve-tätowierter Arm super aussehen – vorausgesetzt, er ist einigermaßen straff und sportlich. Interessante Frage: Wie es wohl in dem Altenheim, in dem ich einst meinen Zivildienst absolviert habe, im Jahr 2070 aussieht? Ich schätze: wie in der JVA Moabit. Schließlich wirkt die Mehrheit schon heute mit 20, 30 Jahren so liebevoll bemalt und beschriftet wie eine durchschnittliche Bahnhofsunterführung.

Eine Mode, die bleibt, ist ja in sich schon widersinnig. Anlass zu vorsichtigem Optimismus bestand nur kurz in den frühen Nullerjahren, als die Arschgeweihe der 90er verschwanden. Doch kaum waren sie weggelasert, brach der Geschmacksherpes an anderen Körperstellen hervor. Bielefelder Türsteher gefielen sich mit neuseeländischen Tribals an den Armen, Hamburger Arzttöchter ließen sich Sterne an die Beine piksen.

Mittlerweile ist kein Körperteil mehr verschont. Überall kommt unentschlossene Deko zum Vorschein wie im Zimmer eines Pubertierenden, irgendwas zwischen Abziehbild, Sinnspruch und Klimbim, egal, wen man auszieht. Was, wenn so ein Modeopfer irgendwann einen erwachsenen Stil wie die wunderbare Ina Müller entwickelt, die das Ansinnen, sie zu tätowieren, mal mit dem Satz abtat: „Nee, Kinders, ganz ehrlich, man macht ja auch keinen Aufkleber aufn Ferrari“? Ganzkörperlaser? Säurebad? Neulackierung? Liebe Betroffene, ihr tut mir jetzt schon leid.

Autor: Julia Haase & Philip Wolff

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