Der Sportfan - eine Sex-Bestie? - Alba Berlin schafft Cheerleader ab

Der Sportfan - eine Sex-Bestie? - Alba Berlin schafft Cheerleader ab

Der Sportfan – eine Sex-Bestie? - Alba Berlin schafft Cheerleader ab

Alba Berlin, achtmaliger Meister der deutschen Basketball-Bundesliga, hat verkündet, in Zukunft auf Auftritte seiner Cheerleader zu verzichten. Ein Abschied, den wir nicht unkommentiert lassen möchten.

Seit letztem Jahr gibt es keine Grid Girls mehr in der Formel 1. Begründung damals: Die schönen Startnummern-Damen stünden heute „klar im Widerspruch zu modernen gesellschaftlichen Normen“. Klar, in einer Zeit, in der es selbst bei Miss- und Mister-Wahlen nicht mehr um körperliche Vorzüge gehen darf, finden Sport- und andere Veranstalter keinen wirklich guten Grund mehr dafür, der Selbstdarstellung leiblicher (oder schlimmer: weiblicher) Schönheit eine Plattform zu bieten. Machen sich dort doch Menschen selbst zu einer Art schmückendem Beiwerk. Zu Objekten der Betrachtung. Wie menschenverachtend ist das denn!

Tja, der Zeitgeist. Da selbst er von abendländischer Philosophie mittlerweile nicht mehr die Bohne begreift (Kant ist ihm zu hoch, Adorno zu verschwurbelt etc.), was sollen dann Sportler, Funktionäre und letztlich all die Fans machen? Nachdenken? Schwierig! Die Lösung der Stunde ist: nachplappern.

Jetzt hat es die ersten Basketballer erwischt. Alba Berlin verbietet sich aus dem nämlichen „normativen“ Grund ab sofort Auftritte seiner bezaubernden Cheerleaderinnen in den Spielpausen, denn „das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller“ passe „bei Sportevents nicht mehr in unsere Zeit“. So zitiert „Bild“ den vom Zeitgeistesblitz getroffenen Alba-Geschäftsführer Marco Baldi. Und auch seine weiter zitierte Ausführung ist von seltener gedanklicher Schönheit, wenn man das heute so noch sagen darf: „Bei unseren Heimspielen ist der Eindruck entstanden, dass Frauen bei Alba vor allem für die tanzende Pausenunterhaltung zuständig sind, während Männer Basketball spielen.“

Ja, ist das denn die Möglichkeit?! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Männer spielen Basketball – und Frauen tanzen? Und das bei Basketballspielen eines Männerteams? Das ist doch ungefähr so skandalös, wie wenn – stellen Sie sich’s bitte nur kurz vor und halten Sie sich irgendwo ganz fest dabei – männliche Tanzsportler in der Spielpause eines Frauenbasketballteams auftreten würden. Und dann vor Fans ihre völlig fachfremde Kunst zum Besten gäben.

Sie können sich sicherlich das Grausen vorstellen, mit dem ich mich an den Basketball-Pokalshowdown zwischen Alba Berlin und Bayern München im Dezember letzten Jahres erinnere. Da führten nämlich – ich hoffe, Sie sitzen, liebe Leser – zwei junge Männer aus der Bayern-Tischtennisabteilung in einer Spielpause Tischtennis vor. Ja, richtig gelesen: Tischtennis! In einer Basketball-Spielpause! Und die Kerle sahen dabei auch noch richtig gut aus. Meine Frau war ganz hin und weg von denen. So ähnlich wie ich von den Cheerleadern, die ebenfalls Akrobatisches darboten. Aber ich habe meine Begeisterung natürlich im Zaum gehalten. Mit dem Zeitgeist lege ich mich lieber schriftlich an. Nicht dass mir im Stadion noch irgendwelche Becher um die Ohren fliegen.

Warum machen wir es eigentlich nicht wie die Mullahs im Iran? Dort dürfen Frauen meist gar nicht erst ins Fußballstadion reingehen, weil die Spieler mit kurzen Hosen rumlaufen. Wir müssten uns Auftritte von Frauen, die in knappen Cheerleader-Trikots tanzen, also gar nicht verbieten. Wir müssten nur den Männern, diesen geilen Böcken, so lange Tribünenverbot erteilen. Denn darum geht es doch: Die lüsternen Frauen haben von schönen Männerbeinen mehr Ahnung als von Fußball, und wir triebgesteuerten Männer haben von schönen Frauenbeinen mehr Ahnung als vom Tanzen. Deshalb gucken wir Fans immer so zutiefst menschenverachtend auf die jeweiligen Beine, während sich die Sportler dazu erniedrigen, sich selbst und ihre körperlichen Vorzüge (dribbeln, flanken, tanzen, durch die Luft wirbeln) zur Schau zu stellen. Das muss ja nicht sein. Auch den offenbar noch völlig uneinsichtigen Cheerleaderinnen, den „Alba Dancers“, die Marco Baldis Begründung dem Vernehmen nach „komisch“ finden und darauf hinweisen, dass sie gänzlich freiwillig tanzen, wäre diese Lösung sicherlich recht. Schließlich sind sie seit 25 Jahren eine mit vielen Preisen gekrönte Institution ihres Fachs und würden ihre Kunst gern weiter vorführen.

Man muss diese Kunst nur ohne schweinische Hintergedanken zu würdigen wissen. Und das können Sportfans bekanntlich nicht. Haben wir eigentlich schon mal darüber nachgedacht, wie wohl schwule Besucher so ein Männerbasketballspiel sehen? Oder lesbische Fans unsere Cheerleaderinnen? Bei den Verboten werden wir noch nachbessern müssen. Aber da bin ich zuversichtlich, das kriegt unser Zeitgeist mit seiner normativen Kraft garantiert hin, so lange niemand anfängt nachzudenken.

Autor: Philip Wolff, Playboy Deutschland

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