Aristokrat auf neuen Wegen

Aristokrat auf neuen Wegen

Aristokrat auf neuen Wegen

Nach vier Jahren präsentieren die Engländer ein Update ihres Über-Luxus-SUVs. Wir testen den neuen BENTLEY BENTAYGA standesgemäß auf der Autobahn – und gemäß seiner Möglichkeiten in einem Flussbett.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten manche Sehr-viel-besser-Verdiener ein echtes Problem: „Bisher konnte ein Kunde in Deutschland maximal 160.000 Euro für ein SUV ausgeben“, echauffierte sich 2016 der damalige Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer. Und präsentierte mit dem neuen Bentley Bentayga bei einem Preis jenseits der 200.000 Euro auch gleich eine Lösung für alle gefrusteten Superreichen mit billigem Porsche Cayenne in der Garage. Die Aufregung in den sozialen Medien über die Sinnhaftigkeit eines solchen Wagens war, wie zu erwarten, gigantisch.

Heute, vier Jahre später, sieht die Welt anders aus: Mit Fahrzeugen wie dem Rolls-Royce Cullinan, dem Lamborghini Urus oder dem Aston Martin DBX hat sich ein neuer Markt der Superluxus-SUVs etabliert – ein lukrativer, aber auch hart umkämpfter Markt. Selbst Ferrari, dessen inzwischen verstorbener Chef Sergio Marchionne noch vor Jahren zum Thema SUV gesagt haben soll: „Nur über meine Leiche“, kündigte vor Kurzem mit dem Purosangue ein entsprechendes Fahrzeug an. Bei Bentley macht der Bentayga mit über 20.000 verkauften Exemplaren inzwischen sogar 45 Prozent des weltweiten Umsatzes der Marke aus.

Grund genug, den Bentayga einer Generalüberholung zu unterziehen, auch wenn Bentley nur von einem Facelift spricht. Schon bei der Übergabe in München fallen uns der im Vergleich zum Vorgängermodell größere Grill, die neuen LED-Matrix-Scheinwerfer sowie die elliptisch geformten Rückleuchten auf. Innen wurden die bisher analogen Anzeigen hinter dem Lenkrad durch digitale ersetzt, und in der Mitte der Armaturentafel thront jetzt ein 10,9 Zoll großer Touchscreen. Gleichzeitig muss man es den Designern hoch anrechnen, dass sie der Versuchung widerstanden haben, sämtliche Funktionen des Fahrzeugs in die Untermenüpunkte des digitalen Nirwanas verschwinden zu lassen. Fahrprogramme oder auch die Klimaanlage lassen sich mit haptischen Knöpfen praktisch und schnell bedienen. Es gibt an der Seite des Fahrersitzes sogar einen eigenen Knopf zur Aktivierung der Massagefunktion – besonders wertvoll, wenn man sich dazu nicht bei Tempo 200 am Touchscreen durch tausend Menü-Unterpunkte quälen muss.

Auf der A 95 Richtung Garmisch kratzen wir laut Tacho an der 300-km/h-Grenze – auch wenn die offizielle Höchstgeschwindigkeit bei 290 km/h liegt. Generell hat sich bei der Beschleunigung wenig verändert, unter der Haube des Bentayga schlägt der gleiche 550 PS starke 4-Liter-V8-Benziner wie schon beim Vorgänger. Den Sprint auf 100 km/h schafft der immerhin 2,4 Tonnen schwere Koloss trotzdem in 4,5 Sekunden. Andere Varianten wie der V8-Diesel wurden weltweit gestrichen, das mächtige W12-Aggregat zumindest in Europa. Immerhin soll nächstes Jahr noch eine Hybrid-Variante nachgelegt werden. Auf die eingebaute Vorfahrt müssen Bentayga-Fahrer trotzdem nicht verzichten: So schnell könnte man gar nicht den Linksblinker setzen, wie andere Verkehrsteilnehmer vor uns die Spur frei machen.

Von der Autobahn geht es auf eine Mautstraße entlang dem Isarflussbett. Insbesondere bei Gegenverkehr fühlt sich die schmale Straße an, als würde man versuchen, mit einem 40-Tonner-Lkw einen Fahrradweg zu befahren – kein Wunder bei einer Länge von 5,1 Metern und 2,2 Meter Breite. Schnelle Links- rechts-Manöver in den engen Kurven meistert der Bentayga aber dank des gut austarierten Fahrwerks und der Wankstabilisierung relativ problemlos.

Nach der Hälfte der Strecke entscheiden wir uns, eine Abkürzung über eine kleine Holzbrücke und durch einen Seitenarm der Isar zu nehmen. Immerhin ist der Bentayga ja nicht nur ein luxusverwöhntes Vorstadtkind, sondern kann auch Wasser und Gelände ab. Neben den üblichen Fahrprogrammen von „Komfort“ bis „Sport“ gibt es daher auch die Einstellungen „Schnee“, „Kies“, „Gelände“ oder „Sand“. Das circa 30 Zentimeter tiefe Wasser am Rand der Isar meistert er jedenfalls mit Bravour, rein theoretisch wäre sogar eine Wattiefe bis 50 Zentimeter möglich.

Am Ende unseres Tagesausflugs bleibt festzuhalten: Der Bentayga setzt vor allem in Sachen Geschwindigkeit und Komfort hohe Standards und dürfte für alle, die sich nicht zwischen einem Urus und einem Cullinan entscheiden können, die perfekte Wahl sein. Einziges Manko: der Preis. Denn ein Einstiegspreis von nur 182.000 Euro wird Superreiche, die sich eine deutlich höhere Summe erhofft hatten, vermutlich enttäuschen. Kleiner Trost: Bentley bietet jedem Käufer eine schier unendliche Auswahl an Luxus-Extras, mit denen man schnell den Preis auf eine Viertelmillion hochschrauben kann.

BENTLEY BENTAYGA

Geschwindigkeit
290 KM/H

Leistung
550 PS

Drehmoment
770 NM
0–100 km/h
4,5 SEKUNDEN

Hubraum
3996 CCM

Gewicht
2416 KG

Preis
182.000 EURO

Autor: Michael Brunnbauer

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